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Ostern - die Geburt des Iches
#1
ProSophia-Rundbrief 2016-03
 
 
 
Liebe Freunde,
 
da sich nur noch wenige von Euch zum Studienkurs am Donnerstag vor Ostern eingefunden hatten, will ich doch die Ostergedanken noch einmal nachzeichnen, die wir zum Abschluß des Abends bewegt haben. Obwohl das Osterfest, daß wichtigste christliche Fest ist, fehlt vielen der Zugang zu einer inneren Teilnahme an den bedeutendsten Weltereignissen. Deshalb war es meine Absicht, einen einfachen Weg zur Anteilnahme aufzuzeigen.
 
Ostern, so sagt es Rudolf Steiner, ist das Fest der Geburt des menschlichen Iches. Und das zeigt sich besonders in dem Auferstehungs-Motiv, in welchem die Hoffnung für die ganze Menschheit liegt. Denn mit der Auferstehung des den Sohnesgott in sich tragenden Jesus ist in jede Menschen-Seele ein „Tropfen“ des makrokosmischen Iches des Christus gelegt worden. Den Auferstandenen nannte man den Chrestos (griechisch) nach der höchsten Stufe der vorchristlichen Einweihung, die Stufe eines Königs. Ursprünglich waren die Könige Eingeweihte der höchsten Stufe der vorchristlichen Mysterien. Und als ein deutliches Zeichen, daß diese alte Einweihung nun beendet werden müsse, macht der Christus-Jesus die sieben Stufen der alten Einweihung noch ein letztes Mal durch und erneuerte und erweiterte allen Menschen mit seiner Auferstehung das alte Selbst zu dem neuen Ich.
Das menschliche Selbst, welches schon vor dem Mysterium von Golgatha den Menschen ein gewisses inneres Zentrum gab, war eine Art Vorbereitungsstufe für das zu erwartende Ich und wurde durch diesen Tropfen aus dem makrokosmischen Gottes-Ich zur Auferstehung bzw. Umwandlung befähigt. Es wurde so zubereitet, daß es würde auferstehen können, wenn der Mensch sich bemüht und guten Willens ist. Es würde aber nach und nach in eine zerstörerische Verfassung geraten, wenn der betreffende Mensch sich nicht zum Geistigen hinneigen will.
Das Mysterium von Golgatha ist ein kosmisches Ereignis, welches für das gesamte Sonnensystem (Planeten mit Tierkreis) eine kolossale Änderung bedeutet. Die neun Hierarchien und alle Zwischen- und Widersacher-Wesen sind davon betroffen. Denn der alte Kosmos, der vom Vater gegründet wurde, wird von dem neuen Sohnes-Kosmos abgelöst. Das Alte, Väterliche geht in den Tod. Das Neue, Sohneshafte beginnt nur dann zu leben, wenn die Menschen es tun, wenn sie aus freier Moralität heraus handeln. Denn der Christus hat der Welt einen Impuls gegeben, der die Erneuerung bewirken kann, wenn der Mensch es will. Daher der Christus-Ausspruch: „Siehe, ich mache alles neu.“
Der Christus-Impuls besteht darin, daß unser Sonnensystem, welches „Erde“ genannt wird, einen Samen bekommen hat, den es vorher nicht besaß, damit nach dem Erdenende einmal eine „neue Erde“ (künftiger Jupiter bzw. Neues Jerusalem) aus dem Samen heraus sich verwirklichen könnte. Das wird allerdings erst möglich, wenn dieser Same befruchtet wird. Wenn die Menschen Taten der Liebe vollbringen, wenn sie aus freier Moralität heraus handeln.
Die freie Moralität ist aber schon das Neue, die durch den Christus erneuerte alte Vorshrifts-Moralität. War auch vor dem Mysterium von Golgatha der Mensch gehalten mit seinem Vorgänger des Iches, aus seinem alten Selbst heraus, moralische Vorschriften zu beachten, sich an Gesetze und Verordnungen zu halten, wie sie z. B. in den sogenannten Zehn Geboten gegeben sind, so ist er jetzt aufgefordert selbst das Angemessene Verhalten zu ergründen, ohne sich auf Vorschriften, Gesetze und Vorbilder zu stützen.
Das vom Christus verstärkte und erweiterte Selbst der Menschen wurde von dem Kirchenvater Ulfilas mit dem Namen J-CH bezeichnet und in viele Sprachen übernommen. Es handelt sich lediglich um die Initialen der J-esus CH-ristus mit der Besonderheit, daß es früher nur einen Buchstaben für „j“ und „i“ gab. Dieses neue ICH in jedem Menschen trägt die Möglichkeit in sich, selbst eine moralische Instanz zu werden. Denn jene Kraft des Sohnes-Gottes, die einst dem Moses die Zehn Gebote offenbarte und damit das gesamte Rechts- und Gesetzes-Werk auf Erden begründet hat, jene moralisch produktive Geisteskraft wurde durch das Mysterium von Golgatha mit dem erwähnten Tropfen in jede Menschenseele gelegt. Damit sind wir selbst „Gebote-fähig“ bzw. moralisch produktiv geworden, sofern wir es bewußt ergreifen. Die moralische Erwägung, die sich von Gewohnheiten, Gesetzen etc. emanzipiert, verwendet jenen Topfen, verwendet, was der Christus von sich opferte und den Menschen hinzufügte.
Jede Menschen-Tat, die nicht zum eigenen Vorteil, sondern zum Heile anderer vollbracht wird, läßt den Christus immer wieder und immer weiter auferstehen, sie begründet einen neuen Kosmos und sie bringt das durch den Tropfen befruchtete alte Selbst der Auferstehung zum wahren oder höheren Ich näher.  
 
Und so können wir die Bilder der Evangelien vor uns hinstellen und durch die genannten Gedanken begreifen. Der am höchsten entwickelt Mensch der alten Vaterwelt, der Jesus, wird durch die Taufe ergriffen von dem Ich des Sohnes-Gottes, den der Vater hat aus sich hervorgehenlassen, auf daß er sein Werk vollende. Und dieser Gott-Mensch, den man korrekt eigentlich Sohn-Jesus nennen müßte, weil der der Christus-Name erst dem Auferstandenen gilt, dieser Gott-Mensch geht noch ein letztes Mal durch die alte Einweihung bis zur Königswürde (Chrestos). Er stirbt am Kreuz und ersteht auf. Aber am Kreuz hängt der Alte Mensch, der Vater-Gott-Mensch. Am Kreuz hängt der Mensch, der wegen seiner Unselbständigkeit nach Gesetzen und Regeln erzogen werden mußte. Am Kreuz hängen wir mit unserem alten Menschen, mit unsere Anteilen am unselbständigen Vaterhaften. Das alles geht in den Tod und bleibt tot. Die Auferstehung liegt in dem zur Selbständigkeit befähigenden Tropfen, der das Alte verwandelt, ja geradezu umstülpt, liegt in dem was der Christus einem jeden Menschen hingeopfert hat. Und diese Selbständigkeit begreift man erst, wenn man den Freiheitsbegriff zu einem Erlebnis hat bringen können. Es genügt nicht, die Freiheit zu begreifen – was schwer genug ist – sie muß erlebt werden. Denn kommt man zu selbstlosen Taten, kommt man zu Taten der Liebe und analysiert, wie dies zugeht, so findet man: Wenn mich das Bedürfnis anderer zum selbstlosen Handeln bewegt, dann ist der Antrieb freier Wille. Es ist ein Wille, der nicht kausal bedingt ist, der nichts mit meinen Trieben, Begierden, Instinkten zu tun hat, weil von mir keinerlei Vorteil für meine Person erstrebt wird. Aber wenn man aus freiem Willen handelt, dann liegt diesem Willen das Gefühl der Liebe zugrunde. Denn das Gefühl erst läßt den Willen fließen. Es ist grundsätzlich der „Schleusenwärter“ unseres Willensflusses, unserer Tatkraft. Und um es noch einmal menschenkundlich zu erklären: Alle Erkenntnisse, die der Mensch gewinnt, bezieht er auf sich selbst, auf sein Ich, auf alles, was ihn ausmacht und er erhält aus diesem Selbstbezug immer ein Gefühl, das sich aus Sympathie und Antipathie zusammensetzt. Gefühle geben an, wie das Erkannte zu dem Betreffenden paßt oder nicht paßt, ob es ihn fördert oder hindert etc. Und indem sie die Bedeutung des Erkannten für den Betreffenden wiederspiegeln, qualifizieren die Gefühle sich zum Regulierer des Willensflusses durch welchen das Verhalten bestimmt wird.
 
Stellen wir nun einmal zum Osterfest die Frage: Welches Gefühl haben wir, wenn wir unsere gewöhnlichen Taten vollbringen? Was fühlen wir bei den Verrichtungen unseres Berufes. Wie fühlt es sich an, wenn wir unseren Interessen nachgehen, wenn wir versuchen Vorteile zu ergattern oder gar, wenn wir ungerecht werden? Untersuchen wir einmal aus welche Gefühlen heraus wir handeln und kommen dann zur entscheidende Frage: Wann wird dieses Gefühl, daß unsere Tatkraft fließen läßt ein reines, edles, liebevolles? Das ist der entscheidende Punkt. Wenn ich den Christus in mir (J-CH) „nutze“ zur selbstlosen Tat, zur Tat aus der moralischen Intuition heraus, dann liegt dem das Gefühl der Liebe zugrunde. Wenn aber Liebe die Schleusen des Willens öffnet, dann ist der Wille frei und das Gefühl der Liebe begleitet das Tun. Und nach der Tat kling die Liebe noch nach und erzeugt die Empfindung des bescheidenen Glücks. Und dann ist er da, der Auferstandene in mir.
 
Diese Erleben, liebe Freunde, wünsche ich Euch von Herzen in dem sicheren Wissen, daß allein dies die Welt noch retten kann.
 
Beste Ostergrüße,
 
Hans Bonneval
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