Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Philosophie der Freiheit
#1
                                                                                                                            2016-0413
 
Liebe Freunde,
 
 
wir, die Teilnehmer des Aufbaukurses zur Arbeit an der Philosophie der Freiheit Rudolf Steiners, haben nun endlich das äußerst umfangreiche 13. Kapitel der Philosophie der Freiheit durchgearbeitet. Es fehlt nur noch der Zusatz zur Neuausgabe.
Aber in den letzten Absätzen dieses Kapitels steht Bahnbrechendes, was außer Rudolf Steiner noch niemand auch nur ansatzweise hervorgebracht hat. Das ist aber das Erstaunliche: Man kann es gut nachvollziehen, ja es spricht einem geradezu aus der Seele und doch ist man so geschult, daß man nicht auf das im nachhinein so Naheliegende käme.
Denn es geht Steiner in diesem Kapitel nicht nur darum, zu sagen: Der Mensch stellt keine Lust-Unlust-Bilanzen auf, wie Eduard von Hartmann meint, und unterläßt sein Streben, wenn die Unlust die zu erwartende Lust übersteigt, sondern er nimmt Unmengen an Mühen (Unlust) auf sich, wenn er Aussicht auf das Erreichen eines Zieles hat. Die Unlustmenge spielt dabei keine entscheidende Rolle. Das ist zwar eine interessante Erkenntnis, aber wichtig ist ja erst die Schlußfolgerung die Hartmann zieht und die Steiner so bedeutsam widerlegt, indem er die Freiheit ins Spiel bringt. Der Pessimismus Hartmann und Schopenhauers war sehr populär seinerzeit und paßte zu den Ansichten des Puritanismus und der strengen protestantischen Sekten Skandinaviens, die alle davon ausgingen, daß es gottgefällig sei, wenn man sich nicht der Lust und Freude hingibt etc. Und so schließt Hartman: Da die Unlustmenge stets größer ist, als die zu erreichende Lust, solle man das Streben nach Lust unterlassen und sich seinen ethischen Pflichten als Mensch zuwenden. Dazu Steiner:
 
.Die pessimistische Ethik glaubt dem Menschen die Jagd nach dem [231] Glücke als eine unmögliche hinstellen zu müssen, damit er sich seinen eigentlichen sittlichen Aufgaben widme. Aber diese sittlichen Aufgaben sind nichts anderes als die konkreten natürlichen und geistigen Triebe; und die Befriedigung derselben wird angestrebt trotz der Unlust, die dabei abfällt.“
Denn
004/13/45      
„Die Aufgaben aber, die der Mensch zu vollbringen hat, vollbringt er, weil er sie kraft seines Wesens, wenn er ihr Wesen wirklich erkannt hat, vollbringen will. Die pessimistische Ethik behauptet, der Mensch könne erst dann sich dem hingeben, was er als seine Lebensaufgabe erkennt, wenn er das Streben nach Lust aufgegeben hat. Keine Ethik aber kann je andere Lebensaufgaben ersinnen als die Verwirklichung der von den menschlichen Begierden geforderten Befriedigungen und die Erfüllung seiner sittlichen Ideale. Keine Ethik kann ihm die Lust nehmen, die er an dieser Erfüllung des von ihm Begehrten hat.“
Es ist eben durchaus eine Lust, wir würden sagen: eine Freude, sittliche Ideale zu bilden und zu verwirklichen, weil diese in unserem Wesen liegen. Denn das bloße Streben nach Lust oder Glück ist ein leeres Bestreben. Es ist wie eine Droge, die mir den Erfolgstaumel vortäuscht. Nur das ist echtes Glück, wenn das echte Leben gelingt und nicht, wenn extra für das Gelingen geschaffene Taten, die sonst keinen Sinn verfolgen, gelingen. Es wird mich einfach nicht glücklich machen, wenn ich meine Schach-Computer so einstelle, daß er mich gewinnen läßt. Insofern ist die Idee Hartmanns, des reinen Strebens nach Lust oder Glück ganz falsch gedacht, auch wenn es durchaus solche Bestrebungen gibt, wie etwa in der Unterhaltungs-Industrie, der ja aber kein ernsthafter Mensch in ausgiebigem Maße folgen würde.
 
„Die Ethik beruht nicht auf der Ausrottung alles Strebens nach Lust, damit bleichsüchtige abstrakte Ideen ihre Herrschaft da aufschlagen können, wo ihnen keine starke Sehnsucht nach Lebensgenuß entgegensteht, sondern auf dem starken, von ideeller Intuition getragenen Wollen, das sein Ziel erreicht, auch wenn der Weg dazu ein dornenvoller ist.“
Nochmal verkürzt: „Die Ethik beruht … auf dem starken, von ideeller Intuition getragenen Wollen, das sein Ziel erreicht …“
Die sittlichen Ideale entspringen aus der moralischen Phantasie des Menschen.
“Sie sind seine Intuitionen, die Triebfedern, die sein Geist spannt; er will sie, weil ihre Verwirklichung seine höchste Lust ist.“
004/13/47      
„Wer nach Idealen von hehrer Größe strebt, der tut es, weil sie der Inhalt seines Wesens sind, und die Verwirklichung wird ihm ein Genuß sein…“
 
Der zweite große Fehler Hartmann in diesem Zusammenhang besteht darin, zu meinen man würde nur unter Verzicht auf Lust und Freude sich in sein Schicksal fügen und den von außen aufgestellten sozialen Idealen nachgehen. Dann würde man nicht tun, was man als das Angemessene erkannt hat, sondern das tun, was man soll. Und an dieser Stelle haben wir versucht den Unterschied zwischen dem Sollen und dem Wollen zu beschreiben. Und da war die Erkenntnis wichtig, daß das gewollte aus dem Wesen, aus dem Ich des Menschen entspringt. Denn das Erkannte ist der Inhalt des Iches und löst das Wollen aus. Daher hat das von mir Gewollte den höchsten Wert für mich. Denn diesem gegenüber bin ich frei. Ich will es. Demgegenüber kann das, was ich soll nicht diesen Wert bekommen, denn es entspringt nicht meinem Wesen, meinem Ich. Nun kann der Mensch aber auch die Erkenntnis haben, daß bestimmte selbstlose Taten ihm ein Anliegen sind, daß er sie will, daß er das Moralische will und damit rechnet Hartmann nicht und die ganze Wissenschaft bis heute folgt ihm. Das Moralische ist Teil der Menschlichen Wesenheit. Wie schon so oft erwähnt, ist die geistige Welt nach moralischen Gesichtspunkten gegliedert, so wie die physische nach Naturgesetzen. Das Moralische aber ist das Beachtenwollen der Anliegen aller Beteiligten, das Leben im Bewußtsein der Würde. Das liegt durchaus in jedem von uns und wenn wir uns bewußter werden, tritt uns dies aus unserem Innern entgegen. Wir ertappen uns: Wir wollen tatsächlich das Gute, das heißt, das Angemessene soll geschehen. Wenn das meine Gesinnung wird und ich daheraus ins Handeln komme, dann ist es mir eine höchste Lust, ein Genuß bzw. eine Freude, zu erleben, wenn es gelingt. Das greift tief in die Pädagogik und überhaupt in das Soziale ein.
004/13/48      
„Was man das Gute nennt, ist nicht das, was der Mensch soll, sondern das, was er will, wenn er die volle wahre Menschennatur zur Entfaltung bringt. Wer dies nicht anerkennt, der muß dem Menschen erst das austreiben, was er will, und ihm dann von außen das vorschreiben lassen, was er seinem Wollen zum Inhalt zu geben hat.“
004/13/49      
„Der Mensch verleiht der Erfüllung einer Begierde einen Wert, weil sie aus seinem Wesen entspringt. Das Erreichte hat seinen Wert, weil es gewollt ist.“
004/13/50      
„Zur Entfaltung des ganzen Menschen gehören aber auch die aus dem Geiste stammenden Begierden.“
 
Hartmann meint, man würde das Gute nicht wollen können. Aber das ist grundlegend falsch.  Dort, wo man das Angemessene zu wollen beginnt, da beginnt auch erst der wahre Mensch.
Das ist die bahnbrechende Erkenntnis, die heute - außer bei Steiner - nicht existiert. Das aber ist unsere Zukunft. Das allein hätte Zukunft, wenn man es gewähren ließe. Das ist das, was ich den Neuen Menschen nenne, der frei Handelnde. Und welche Tragik liegt darin, daß nirgends sonst diese Erkenntnis existiert. Wo immer von Ethik oder Moralität gesprochen wird und selbst bei dem Modewort Empathie geht man von einem Sollen aus und nicht von einem Wollen. Man meint der Mensch könne nur Egoistisches wollen, alles Gute könne er nur sollen. Daß das Gute zu tun ein Anliegen jeder Seele ist, das ist eine bahnbrechende Erkenntnis. Aber wie man sieht kann man den Menschen anders erziehen. Das zu ändern wäre unsere Aufgabe.
 
004/13/50      
 „Für den harmonisch entwickelten Menschen sind die sogenannten Ideen des Guten nicht außerhalb, sondern innerhalb des Kreises seines Wesens. Wer die sittlichen Ideale nur für erreichbar hält, wenn der Mensch seinen Eigenwillen ertötet, der weiß nicht, daß diese Ideale ebenso von dem Menschen gewollt sind, wie die Befriedigung der sogenannten tierischen Triebe.“
Das sieht die Psychologie und die Naturwissenschaft anders. Dazu Steiner:
004/13/50      
„Es ist nicht zu leugnen, daß die hiermit charakterisierten Anschauungen leicht mißverstanden werden können. Unreife Menschen ohne moralische Phantasie sehen gerne die Instinkte ihrer Halbnatur für den vollen Menschheitsgehalt an, und lehnen alle nicht von ihnen erzeugten sittlichen Ideen ab, damit sie ungestört «sich ausleben» können. Daß für die halbentwickelte Menschennatur nicht gilt, was für den Vollmenschen richtig ist, ist selbstverständlich. Wer durch Erziehung erst noch dahin gebracht werden soll, daß seine sittliche Natur die Eischalen der niederen Leidenschaften durchbricht: von dem darf nicht in Anspruch genommen werden, was für den reifen Menschen gilt.“
 
Der von Steiner dargestellt ethische Individualismus ist „…wenn er (der Mensch) das sittliche Wollen als ein Glied seines vollen Wesens in sich entfaltet, so daß das Unsittliche zu tun ihm als Verstümmelung, Verkrüppelung seines Wesens erscheint.“
 
Liebe Freunde, ich versuche Euch wachzurütteln für die Bedeutung dieser Ausführungen, auf daß sich ihr Inhalt in der Welt verbreitet.
 
Beste Grüße,
Hans Bonneval
 
Antworten


Nachrichten in diesem Thema
Philosophie der Freiheit - von hans - 18.04.2016, 16:02

Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste